Die Petromax und die Familie Graetz

Am 02.01.1866 gründete der Berliner Klempnermeister Albert Graetz (1831-1901) zusammen mit dem Kaufmann Emil Ehrich in der Dresdener Straße in Berlin die "Lampen-Fabrik Ehrich & Graetz OHG". Albert Graetz fühlte sich berufen, die dunklen Zeiten der von ihm abschätzig "Rübölfunzeln" genannten Öllampen durch verbesserte Leuchten zu beenden. So produzierten und vertrieben Ehrich & Graetz mit großem Erfolg Dochtpetroleumlampen unter den Markenbezeichnungen "Akaria", "Matador" und "Iris". Nachdem Emil Ehrich zwischenzeitlich aus dem Unternehmen ausgeschieden war, übergab Albert Graetz 1889 die Leitung der Firma an seine Söhne Adolf (1860-1909) und Max (1861-1936).

Kommerzienrat Max Graetz
Kommerzienrat Max Graetz

Max, der Sportler und Techniker, durch einen ausgedehnten USA-Aufenthalt im Alter von 17 Jahren, bei dem er Henry Ford kennenlernte, mit modernen Fertigungsmethoden vertraut und Adolf, der weltgewandte Kaufmann, führten das Unternehmen erfolgreich weiter und verschafften ihm durch ausgedehnte Exportaktivitäten Weltgeltung. So hatte die Firma im Jahre des Umzugs in die Elsenstraße im Berliner Vorort SO-Treptow 1899 bereits 1.000 Mitarbeiter, nachdem es 10 Jahre zuvor lediglich 100 gewesen waren. In Bridgeport (Connecticut), London und Paris wurden Fabriken gegründet.
Am 09.11.1909 wurde Graetz vom Kaiser der höchste bürgerliche Ehrentitel: "Kommerzienrat" verliehen (Was allerdings 3.000 Goldmark kostete).
Max Graetz war die treibende Kraft bei der ständigen Neu- und Weiterentwicklung technischer Gegenstände. 1905 wurde der "Graetzin-Gasanzünder" vorgestellt, der im Nu das bis dahin erforderliche manuelle Entzünden der Gasstraßenbeleuchtung überflüssig machte.

Graetz Esso Graetzin Graetz Elektro

1908 wurde eine elektrische Glühlampe unter dem Markennamen "Esso" eingeführt. 1909 wurde die Gasglühlampe "Graetzin-Licht" entwickelt, auf deren technischer Grundlage und auf Grundlage der bereits verbreiteten Spiritusglühlampen wird 1910 eine neue Lampe entwickelt:

Statt Gas benutzt Graetz Petroleum, er vergast den flüssigen Brennstoff, mischt nach dem Prinzip der Graetz-Gasgeleuchte das Petroleumgas mit Luft und erzielt eine blaue Flamme, die den angebrachten Glühkörper zur vollen Leuchtkraft bringt. Verdichtete Luft aus einem Druckbehälter drückt den Brennstoff in den Vergaser und erzeugt dadurch aus der Flüssigkeitssäule das Gas. Das neue Leuchtgerät ist zuverlässig, betriebssicher, und transportabel, es erzeugt Lichtleistungen von 200 - 1000 HK. Max Graetz war mit den Berliner Musikern und Berliner "Schnauzen" Paul Lincke ("Das ist die Berliner Luft...") und Eugen d'Albert befreundet, Graetz hieß bei seinen Freunden "Petroleum-Maxe". Lincke war es dann, der den Vorschlag für den Namen der Lampe, die eigentlich "Graetzin-Licht" heißen sollte, machte:

"Petromax"

Der Name wurde am 05.11.1910 gesetzlich geschützt, die Petromax als Laterne mit senkrechtem Vergaser, wurde jedoch erst am 09.04.1921 von Max Graetz' zum Patent angemeldet. Dies ist also die offizielle Geburtsstunde der Petromax wie wir Sie heute kennen. Die Petromax wurde von Anfang an in verschiedenen Ausführungen mit unterschiedlichen Lichtstärken produziert. Sie war der Verkaufsschlager schlechthin, eroberte bald die ganze Welt und wurde in Millionenstückzahlen hergestellt. Interessant ist, daß auch die Verchromung eine Pioniertat der Fa. Graetz war, denn bis dahin war diese Art der Oberflächentechnik nicht ausgereift.

Nach dem Ersten Weltkrieg gingen die ausländischen Werke verloren und die Firma Ehrich & Graetz hatte ums Überleben zu kämpfen. Aber die schwierigen Zeiten wurden gemeistert, in den Zwanziger Jahren entstanden Werke in Lunzenau/Rochlitz (Sachsen) und im österreichischen Bregenz am Bodensee. Am 20.Mai 1922 wurde die "Ehrich & Graetz Aktiengesellschaft" gegründet. Hauptaktionäre waren Max Graetz, seine Söhne Erich, Fritz, Hans und Rudolf Graetz sowie sein Schwiegersohn Hans Pahl.
1910 waren Max Graetz' Söhne Erich und Fritz in die Firma eingetreten und wieder war es das Gespann aus Techniker und Kaufmann, das der Firma zu weiteren Erfolgen verhalf. Erich Graetz trieb die Entwicklung von Elektrogeräten voran, seit 1913 wurden unter dem Markenname "Graetzor" verschiedenste elektrische Geräte wie Bügeleisen, Wasserkocher und Heizöfen vorgestellt. Erich Graetz war es dann auch, der in den 1930-er Jahren nach jahrelangem Experimentieren und Verbessern die berühmten Graetz-Radios einführte. Die 30-er Jahre waren zweifellos die großen Jahre der Petromax und der Graetz-Werke überhaupt. Am 9.5.1935 wurde die letzte Erfindung angemeldet, die der Petromax das heute noch bekannte Aussehen gab, die Petroleumvorwärmung mit Kipphebel. Unter dem Namen "Petromax Rapid" geschützt seit dem 13.02.1936. 1942 wurde aus der "Ehrich & Graetz AG" die "Graetz AG". Vermutlich etwa um die gleiche Zeit wurde die "AIDA, Gesellschaft für Beleuchtung und Heizung mbH" übernommen, die bis dahin zum Konkurrenten, der "Jacob Hirschhorn AG" gehört hatte. Unter dem Markennamen "AIDA" wurden weiterhin Starklichtlampen hergestellt und vertrieben.
Die Graetz AG beherrschte den Weltmarkt für Petroleumstarklichtlaternen mit einem Marktanteil von 80 Prozent.

Graetz Werk in Berlin Treptow
Graetz Werk in Berlin Treptow

Nach der Enteignung der Graetz-Werke im Ost-Teil Berlins 1945 und des familieneigenen Gutshofs in Ostprignitz (Brandenburg) sowie der Zwangsverwaltung des Werkes Bregenz stand die Familie Graetz vor dem Nichts. 1947 starteten die Brüder Erich und Fritz Graetz in einer Baracke im westfälischen Altena mit drei Mitarbeitern die erneute Produktion. Ab 1948 unter dem Namen Graetz KG und erstmals mit fremden Kapitalgebern, nachdem die Aktiengesellschaft immer vollständig in Familieneigentum gewesen war.

Fritz Graetz Erich Graetz
Fritz Graetz und Erich Graetz

Formal bestand die von den Sowjets enteignete Graetz AG in Berlin weiter. Bereits 1945 wurde die Petromaxproduktion von der auf 40 Mitarbeiter geschrumpften Belegschaft unter Leitung eines ehemaligen Rohrlegers wieder aufgenommen. Ab dem 8.Februar 1948 hießen die Werke "VEB Graetz-Werk", ab dem 4.Februar 1950 "VEB Fernmeldewerk Treptow", die Produktion der Petromax in Ost-Berlin wurde kurz darauf eingestellt.

Der Graetz KG gelang in den 50-er und 60-er Jahren ein bemerkenswertes Comeback. Nachdem im Herbst 1949 die erste Nachkriegspetromax in Altena hergestellt wurde ging die Petromax- und AIDA-Produktion zu Beginn der 50-er Jahre wieder in die Hunderttausende und Millionen, die Produktion wurde zu 99,9 Prozent ins Ausland exportiert, der Rest ging v.a. an die Bundesbahn, die Bundespost und das Bauhandwerk. Das Wachstum der Firma Graetz führte zu mehreren Neubauten in Altena und zu Zweigbetrieben in Bochum, Dortmund, Letmathe, Duderstadt und Geroldsgrün (Oberfranken) mit 5.000 Mitarbeitern. Die Firma Graetz war jedoch endgültig zum Elektronikunternehmen geworden, bei der die Petromax und verwandte Produkte nur noch eine Nebenrolle spielten. Die Markenrechte an der Petromax lagen in den 50-er Jahren bei der Graetz AG in Hamburg, die als nicht produzierender Rechtsnachfolger der Berliner Graetz AG in der Bundesrepublik weiterbestand, bis die Markenrechte 1959 an die Graetz KG gingen. Ebenfalls im Jahr 1959 wurde die "AIDA, Gesellschaft für Beleuchtung und Heizung mbH" mit der Graetz KG verschmolzen, AIDA als bis dahin noch formal eigenständiges Unternehmen existierte nicht mehr.

Graetz Werk in Altena/Westfalen
Graetz Werk in Altena/Westfalen

Am 25.3.1961 verkaufte Erich Graetz, der in der Familie keinen Nachfolger fand, die Graetz KG inklusive der Markenrechte und aller zugehörigen Firmen zu 74,5 Prozent meistbietend an die Standard-Elektronik-Lorenz AG (Philips war damals auch ein Kandidat). 25,5 Prozent hielt weiterhin die "Westfälische Kupfer- und Messingwerke AG", die ihr Engagement jedoch von Anfang an als reines Investment verstand. Die SEL wiederum verkaufte die Werke im März 1988 an die finnische Nokia.

In Altena wurde die Petromax bis in die 1970-er Jahre weiterproduziert. Seit dem 18.3.1993 ist das Altenaer Werk endgültig geschlossen.

Nach dem Ende der Petromax-Produktion in Altena wurde die Petromax bis Ende der 1990-er Jahre auf hohem Qualitätsniveau in Portugal hergestellt. Der portugiesische Hersteller (Hipolito) konnte dabei überwiegend die alten Altenaer Werkzeuge verwenden und wurde in der Anfangsphase der Produktion von Graetz Mitarbeitern unterstützt. Mit dem Ende der Produktion in Portugal war die "goldene Zeit" der Petromax unwiderruflich beendet.

Heute wird die Petromax von einem Sanitärartikel- und Kunststoffproduzenten in China hergestellt. Zunehmend setzen sich dabei die technischen, geschmacklichen und qualitativen Vorstellungen eines US-amerikanischen Großabnehmers durch. Der mintgrün lackierte Petromaxklon hat sich dabei am Markt wohl nicht durchgesetzt, er wurde aber zwischenzeitlich angeboten. Vorher nie gekannte Phantasiekreationen von Kochern werden ebenso mit dem Label "Petromax" versehen wie Geniol-Lampen. So mutiert eine in den 70-er Jahren entwickelte Geniol-Starklichtlampe (150 HK, Halblitertank ) durch Umetikettierung zur "Petromax 830". Eine Modellbezeichnung unter der in den 1930-er Jahren eine völlig andere Lampe (300 HK, 2-Liter Tank) hergestellt wurde.



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Für diesen Artikel habe ich Interviews mit verschiedenen ehemaligen Mitarbeitern aus der Produktion und der Verwaltung von Graetz/Altena geführt. Weitere wichtige Informationen konnte ich im Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund, im Stadtarchiv Altena und im Patent- und Warenzeichenarchiv der Universität Dortmund recherchieren. Als ergiebige Quellen erwiesen sich die Werkszeitschrift "Graetz-Nachrichten", die Festschrift zum 75-jährigen Firmenjubiläum von 1941 sowie ein Beitrag von Ernst Quadt im Sammelband Deutsche Industriepioniere von 1940.

Mein besonderer Dank gilt der Tochter von Herrn Erich Graetz, die mir in mehreren Gesprächen bei Kaffee und Kuchen geduldig meine Fragen beantwortet hat.

Fotos: Graetz-Nachrichten

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